Geschichte der Adolf-Reichwein-Schule

Peter Hartherz, zehn Jahre Lehrer und Konrektor in Anspach sowie Leiter der Planungsgruppe zur Errichtung der integrierten Gesamtschule, und Renate Hartherz, seit Anfang der sechziger Jahre Lehrerin an den Anspacher Schulen, beleuchten die Entwicklung des Schulwesens in unserer Gemeinde.

Aufgeschlossen für Reformen

Von außen betrachtet sieht die Anspacher Adolf-Reichwein-Schule aus wie viele andere modern konstruierte Schulen: Gegliedert in mehrere Trakte, Waschbetonfassade, große lichtspendende Fenster. Innen aber, in den Klassenräumen, da eröffnet sich dem Besucher eine Schulwelt, wie er sie wohl nur selten und in der nahen und weiteren Umgebung gar nicht finden wird. Mit diesen Worten schildert der Korrespondent der Frankfurter Rundschau seine Eindrücke anläßlich eines Schulbesuches im Sommer 1972, dem Jahr also, in dem das Parlament des Altkreises Usingen die Einführung der flächendeckenden integrierten Gesamtschule für das gesamte Kreisgebiet beschloß - ein schulreformerischer Schritt, der schließlich aber mit dem Schuljahresbeginn 1974 nur in Neu-Anspach realisiert wurde.

Dass neue Entwicklungen mit dem Ziel, den Kindern und Jugendlichen aus unterschiedlichen sozialen Schichten gleiche Bildungs- und Lebenschancen zu gewährleisten, in unserer Gemeinde stärker als andernorts vorangetrieben werden konnten, ist sicher der aufgeschlossenen Einstellung der hiesigen Bevölkerung und ihren Repräsentanten zu verdanken. Diese hat ihre Wurzeln in der frühen, bewußten Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Verhältnissen im 18. und 19. Jahrhundert: Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse - der in unserem Raum übliche Rechtsbrauch der Erbteilung reduzierte die Anbaufläche und damit die Ernährungsgrundlage für die einzelnen Familien - waren viele an Landbesitz arme Gemeindemitglieder gezwungen, zunächst durch Heimgewerbe wie Nagelschmiede und Weberei später als Wochenpendler in den Vordertaunus ihr täglich Brot zu verdienen. Besonders bedauernswert war das Schicksal jener Anspacher, die von gewissenlosen Seelenverkäufern als fahrende Sänger und Spielleute ins Ausland gelockt wurden.

Der positive Ertrag dieser sogenannten Landgängerei bestand aber sicher darin, dass in vielen der armen Familien zwei oder drei Fremdsprachen gesprochen und ebenso viele Instrumente gespielt wurden. Man gewann auf diese Weise früh eine gewisse Weltoffenheit, die auch das Bewußtsein der späteren Generationen prägte. Hinzu kamen nach dem 2. Weltkrieg neue Impulse, die von den Heimatvertriebenen aus dem Osten ausgingen und schließlich trugen auch die zahlreichen Neubürger, die im Rahmen der Entwicklung des Siedlungsschwerpunkts in großer Zahl nach Neu-Anspach zogen, zu aufgeschlossener und zukunftsorientierter Denkweise bei.

Bevor jedoch der Durchbruch zu einem modernen, zeitgerechten Bildungsangebot in Neu-Anspach, das mit der Einrichtung einer gymnasialen Oberstufe zum Schuljahresbeginn 1999 seinen Höhepunkt und Abschluß fand, gelang, war ein langer, mühsamer Weg zurückzulegen. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts gab es in der benachbarten Residenzstadt Usingen zwar bereits eine Lateinschule, unter deren Zöglingen sich viele klingende Adelsnamen aus ganz Deutschland fanden, deren Bildungsangebot den Kindern aus den Dörfern des Usinger Landes aber weitgehend verschlossen blieb. Diese waren angewiesen auf ein äußerst dürftiges Bildungsangebot in unseren heutigen Ortsteilen.

Die älteste und konstant besetzte Erziehungsstätte war die Kirchspielschule in Rod am Berg, wo auch Kinder aus Dorfweil, Brombach, Hunoldstal, Hausen und Arnsbach unterrichtet wurden. Später wurden auch in Hausen und Westerfeld sogenannte Dingschulen eingerichtet - ein Hinweis darauf, dass die Gemeinden sich einen Lehrer nur auf Zeit dingen konnten. Nicht selten kam es vor, dass die Kinder nur im Winter unterrichtet wurden und der Lehrer im Sommer zu anderen gemeindlichen Aufgaben herangezogen wurde oder seine eigene kleine Landwirtschaft betrieb. Auch in Anspach selbst waren zunächst Dinglehrer tätig, denen meist eine entsprechende Ausbildung fehlte und die somit nur ein bescheidenes Wissen vermitteln konnten. Die ersten genaueren Hinweise auf die Bildungssituation in unserer Gemeinde finden wir in einem Bericht zur Dorfcharakteristik, den der damalige Pfarrer Lehr um 1800 der herzoglichen Amtsverwaltung erstattete.

Fast unglaublich ist es, wie viele so gar nicht lesen und noch viel weniger schreiben können. Auch sind sie noch voller Vorurtheile, Aberglaube und Irrthümer, viele verharren eigensinnig dabei. Sie gehen gerne in die Wirtshäuser und erfreuen sich da am liebsten mit Singen, worin sie es zu ziemlicher Ferdigkeit ihrem Stand nach gebracht haben. Was ihre Sprache anbetrifft, so ist sie weicher als in den benachbarten Orten, aber meiner Erfahrung nach viel unrichtiger und ziehend und singend. So lag das Schulwesen in unseren Ortsteilen noch bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts im Argen. Erst mit dem Beginn der nassauischen Reformen im Jahre 1817 wurden die Dingschulen in Pflichtschulen umgewandelt. Dies gab dem Bildungswesen Auftrieb und veranlasste die Gemeinden, auch die äußeren Rahmenbedingungen zu verbessern. Trotz entsprechender neuer Schulgebäude blieben die Volksschulen in Rod am Berg, Hausen und Westerfeld ein- oder zweiklassig, nur in Anspach entstand mit der Zeit aufgrund der wachsenden Einwohnerzahl eine nach Jahrgängen gegliederte Schule mit einem erweiterten und verbesserten Bildungsangebot.

Die schwierigen Jahre nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches brachten auch für die Schulsituation in Anspach einen herben Rückschlag. So stellte Rektor Heinrich Drescher bei seinem Dienstantritt zu Beginn des Schuljahres 1952/53 lapidar fest: Die Gemeinde hat als Schulunterhaltungsträger für ihre Schule in den vergangenen Jahren wenig geleistet. Er beklagte unter anderem die schlecht funktionierende Ofenheizung, den erbärmlichen Zustand der in den Jahren 1877 bzw. 1907 eingebauten Fenster sowie das Nichtvorhandensein einer Wasserspülung in den Toiletten. Drescher setzte dann im Verlauf der nächsten zehn Jahre grundlegende Erneuerungsarbeiten an den beiden Schulgebäuden im alten Ortskern durch, so wurden der Einbau einer Warmwasserheizung, einer Schulküche und einer modernen Wasserspülung ausgeführt. Außerdem veranlasste er die Gemeindevertretung, Mittel für den Ankauf von neuen Schulmöbeln sowie zeitgemäßen Lehr- und Lernmitteln bereitzustellen. Heinrich Drescher war es schließlich auch, der früh die Chance erkannte, die von der hessischen Landesregierung vorangetriebene Landschulreform für unseren heimischen Raum zu nutzen. Gemeinsam mit Schulrat Otto Köth und dem unvergessenen Anspacher Bürgermeister Rudolf Selzer initiierte er den am 21. August 1961 gefaßten Gemeindevertreterbeschluß: Die Gemeindevertretung beschließt den Bau einer Volksschule unter der Voraussetzung, dass sie als Mittelpunktschule geplant und gebaut wird. Dieser Willenserklärung des Parlaments folgte unmittelbar der Ankauf des Geländes, auf dem in den folgenden Jahren in mehreren Bauabschnitten das heutige Schulzentrum entstand.

Am 20. November 1962 wurde dann in einer gemeinsamen Sitzung der Gemeindevertretungen von Anspach, Rod am Berg, Hausen-Arnsbach und Westerfeld der Schulverband Anspach mit dem Ziel gegründet, die zu errichtende Mittelpunktschule gemeinsam zu betreiben. Die Umsetzung erfolgte zügig: Die Grundsteinlegung fand am 15. Mai 1964 statt, das Richtfest konnte am 11. August 1965 gefeiert werden, die offizielle Einweihungsfeier fand am 14. September 1966 in Anwesenheit des Hessischen Kultuministers Prof. Dr. Ernst Schütte statt. Dieser nannte die Schaffung eines Netzes von gegliederten Mittelpunktschulen in den ländlichen Regionen Hessens einen wichtigen Beitrag zur Herstellung gleicher Bildungschancen für die Kinder in unseren Dörfern. Und in der Tat stieg die Zahl der Schülerinnen und Schüler aus dem ländlichen Raum, die qualifizierte höhere Bildungsabschlüsse erreichten, rasch an. In diesem Zusammenhang wurde auch die Pflichtschulzeit verlängert, und in Anspach wurden alle Schülerinnen und Schüler des 9. Schuljahres aus den 43 Orten des Altkreises Usingen für zwei Jahre zusammengefaßt.

Ganz bewußt wurde für die neue Schule der Name des Pädagogen, Schulpolitikers und Widerstandskämpfers Adolf Reichwein gewählt. Sein Leben, dem durch die Nationalsozialisten ein frühes Ende gesetzt wurde, gibt Lehrern, Eltern und Schülern eine stets zu erneuernde Verpflichtung auf. Parallel zur Entwicklung in Anspach ging auch die Landschulreform im gesamten Kreis Usingen weiter voran. Aufgrund verschiedener Vorschläge des Schulamtes, der Kreisverwaltung und des Kreiselternbeirats bildeten sich schließlich folgende Strukturen heraus: Die Einrichtung von drei Mittelpunktschulen für die Jahrgänge 5 bis 9 in Usingen, Riedelbach und Anspach sowie die Entwicklung von Mittelpunktgrundschulen an ortsnahen, aber zentralen Standorten.

An den Mittelpunktschulen wurde für das 5. und 6. Schuljahr die Förderstufe, die ihre Bewährungsprobe als Schulversuch in Usingen bereits bestanden hatte, flächendeckend für das Kreisgebiet mit dem Ziel eingeführt, eine gerechte und zuverlässige Begabungslenkung zu erreichen. Dieser Gedanke stand auch im Vordergrund als 1970 die Planung für die Weiterentwicklung der Mittelpunktschulen zu Gesamtschulen in den Gremien des Kreises Usingen erstmals erörtert wurde. Die Überlegungen mündeten wie bereits einleitend erwähnt im November 1971 in einen Kreistagsbeschluß, die Hauptschulen in Anspach und Riedelbach sowie die Haupt- und Realschule Usingen zum 1. September 1972 in integrierte Gesamtschulen umzuwandeln.

Dieser Beschluß fiel in eine Zeit turbulenter politischer Veränderungen: Im Zuge der anstehenden Gebietsreform fusionierten die Landkreise Usingen und Obertaunus zum neuen Hochtaunuskreis, die Gemeinden Anspach, Rod am Berg, Westerfeld und Hausen-Arnsbach bildeten die Großgemeinde Neu-Anspach, in der Bildungspolitik entspannen sich heftige Kontroversen um die Weiterentwicklung des Schulwesens und der Bildungsinhalte.

So kam es, dass die Entscheidung des Kreistags und die umfangreichen Ergebnisse der inzwischen eingesetzten Planungsgruppe nur am Standort Neu-Anspach umgesetzt wurden. Hier waren die Rahmenbedingungen besonders günstig: Unter der engagierten Führung von Rektor Walter Stenzel hatte sich ein junges Lehrkollegium zusammengefunden, das den Anforderungen einer auf kooperatives Verhalten und Toleranz ausgerichteten gemeinsamen Erziehung von Kindern unterschiedlicher sozialer Herkunft und Begabung sehr aufgeschlossen gegenüberstand. Unterstützt wurden die Pädagogen von Elternvertretungen, die die Ziele der Schulentwicklung unterstützten und aktiv bei der Gestaltung des Schullebens mitarbeiteten. Dazu kamen Politiker auf Landes-, Kreis- und Gemeindeebene, die bereit waren, die personellen und räumlichen Voraussetzungen für das Gelingen des Projekts schrittweise zu schaffen.

Nach organisatorischer Abtrennung der Grundschule im Jahre 1970 wandelte sich im Frühjahr des darauffolgenden Jahres das Gelände neben der Adolf-Reichwein-Schule in eine große Baustelle: Die Erdarbeiten für den 1. Bauabschnitt der Gesamtschule hatten begonnen. Bereits am 27. März 1972 war Richtfest und nach den Weihnachtsferien wurden im Januar 1973 die neuen Räume in Betrieb genommen. Nach umfangreichen pädagogischen Vorbereitungen konnte die Hauptschule mit Förderstufe schließlich am 1. August 1974 in eine integrierte Gesamtschule umgewandelt werden. Die Förderstufe wurde Bestandteil der Gesamtschule, der Unterricht in der integrierten Jahrgangsstufe 7 wurde mit dem Schuljahresbeginn aufgenommen und jahrgangsweise bis zum Endausbau in der Klassenstufe 10 fortgeführt.

Zum Start des erweiterten Bildungsangebotes war auch Kultusminister Ludwig von Friedeburg nach Neu-Anspach gekommen. Er würdigte die schulreformerischen Bemühungen der Kleeblattgemeinde und sagte seine weitere Unterstützung beim Ausbau der Schule zu. Dieser erfolgte dann schrittweise: Mit dem ersten Schultag im Januar 1978 konnten die ersten fünf Klassenräume des 2. Bauabschnittes bezogen werden; dieser wurde ein Jahr später fertiggestellt. Es folgte die notwendige Ergänzung im sportlichen Bereich: Eine Großraumsporthalle, ein Kleinsportfeld und eine Kampfbahn mit Laufbahn und Rasenplatz erhöhten die Attraktivität des Schulstandortes.

Insgesamt fand das erweiterte Bildungsangebot in Neu-Anspach eine positive Resonanz. So konnte der neue Schulleiter Dr. Christoph Zelazny nach seinem Dienstantritt zum Ende des Jahres 1980 feststellen: An dieser Schule fällt auf, dass hier Bildungsmöglichkeiten eröffnet werden, die im Vergleich zu anderen Regionen beispielhaft sind. So wird das Prinzip der individuellen Förderung des einzelnen Schülers insofern erfüllt, als einerseits die Möglichkeit besteht, Schülern, die in einem Fach versagen, gezielt auf diesem Gebiet zu helfen. Das ergibt sich sowohl durch eine Reihe von Förderkursen als auch durch das Kurs-System, das die veraltete Regelung, die verlangt, ein Schüler mit Mängeln auf wenigen Gebieten muß beim Sitzenbleiben alle Fächer wiederholen, aufhebt. Andererseits wird an dieser Schule versucht, kleinere Lerngruppen zu schaffen, so dass sich der Lehrer besser um den einzelnen Schüler kümmern kann. Wir bieten außerdem im Wahlpflicht- und Wahlbereich Lernmöglichkeiten an, die nach Abschluß der Sekundarstufe 1 vielfältige Bildungsmöglichkeiten eröffnen. Auch in den vergangenen schwierigen Zeiten konnten dabei fast alle abgehenden Schüler eine Lehrstelle finden und diejenigen, die eine weiterführende Schule besuchen, arbeiten dort in der Regel erfolgreich mit. Die ersten Gesamtschüler werden im Sommer nächsten Jahres an verschiedenen Oberstufen in der Umgebung ihr Abitur ablegen.

Auch die Eltern reagierten auf die neue Schulform positiv. Eine 1982 durchgeführte Befragung, an der sich die Eltern von 264 Schülerinnen und Schülern aus den Klassen 4 der Grundschulen in Neu-Anspach und Wehrheim sowie den Klassen 6 und 10 der Gesamtschule beteiligten, kam zu folgenden Ergebnissen:

  • Die Schulreform wurde von 90% der Befragten positiv bewertet. Der Grad der Reformbereitschaft wuchs mit der Länge der Gesamtschulerfahrung. 88% stimmten der Aussage zu: Im 4. Schuljahr kann man noch nicht sagen, ob ein Kind für das Gymnasium geeignet ist. Deshalb sind Förderstufen und Gesamtschulen notwendig
  • Die Eltern der Kinder, die am längsten die Gesamtschule besuchten, waren am besten über Ziele und Aufbau dieses Schultyps informiert. Alle Befragten der Kinder des 10. Schuljahres wußten z.B., dass die Schule Betriebspraktika durchführt, 96% waren darüber informiert, dass in der Schule die Möglichkeit besteht, bestimmte Fächer zu wählen. Besonders positiv wurde bewertet, dass etwa im 7. Schuljahr Wahlmöglichkeiten zwischen Französisch, Latein, Naturwissenschaften und Polytechnik bestanden. Insbesondere das Fach Polytechnik wurde nach den Naturwissenschaften als besonders wichtig für die Allgemeinbildung angesehen.
  • 72 % der Befragten zeigten sich schließlich mit den Schulleistungen zufrieden.

Die Befragung zeigte eindeutig, dass das über zehn Jahre zuvor eingeleitete Bemühen der Schule Früchte trug, sich an den Zielvorstellungen Wilhelm von Humboldts, die später von Adolf Reichwein weiter entwickelt wurden, zu orientieren. Beide gingen von der Grundvorstellung aus, dass es Aufgabe der Erziehung sei, die sprachlichen, geistigen und handwerklichen Fähigkeiten - also Kopf, Herz und Hand - der jungen Menschen in gleicher Weise zu entwickeln. Dieses Erziehungsziel versuchte die Adolf-Reichwein-Schule durch zusätzliche besondere Maßnahmen einzulösen:

Als erste Schule im Altkreis Usingen führte sie bereits im Frühjahr 1969 ein vierwöchiges Betriebspraktikum für die Schülerinnen und Schüler der Abgangsklassen mit dem Ziel durch, diese besser auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Dieses Angebot wurde im Laufe der Jahre erweitert und bis heute aufrecht erhalten. Auf diesem Hintergrund entwickelte sich zeitweise auch eine vorbildliche Zusammenarbeit mit der Usinger Berufsschule unter ihrem verdienstvollen Leiter, Oberstudiendirektor Hamm, der auch Pädagogen aus seinem Kollegium in die Planungsgruppe zur Errichtung der integrierten Gesamtschule nach Neu-Anspach entsandte. Förderlich in diesem Sinne gestaltete sich auch die Zusammenarbeit mit der Bad Homburger Volkshochschule und der Heimvolkshochschule Falkenstein. Beide Einrichtungen führten in den siebziger Jahren Seminare für die Gesamtschüler durch, in denen soziales Verhalten trainiert und Realitäten der Berufs- und Arbeitswelt verdeutlicht wurden.

Zum guten Image der Gesamtschule trugen sicher auch die zahlreichen öffentlichen Darstellungen wie etwa die Aufführung des Singspiels Die Zauberflöte und des Musicals Starlight Express durch die Musik- und Theaterarbeitsgemeinschaft ebenso bei, wie der Aufbau und die Pflege von Kontakten zu Partnerschulen in der mit Neu-Anspach verschwisterten französischen Stadt Saint Florent sur Cher, in Wehrheims ungarischer Schwesterstadt Pilisvörösvar und in verschiedenen englischen Gemeinden. Auch auf sportlichem Gebiet erreichten die Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule insbesondere bei ihrer Beteiligung an den verschiedenen Wettbewerben der Aktion Jugend trainiert für Olympia überregional beachtete Erfolge. In der Neu-Anspacher Paradediziplin Badminton kam es zu einer engen Verzahnung von Schul- und Vereinsarbeit.

Dies alles verhinderte nicht, dass die Schule im Laufe der folgenden Jahre im Zuge des Konkurrenzkampfes weiterführender Schulen aufgrund zurückgehender Schülerzahlen und gesellschaftspolitischer Entwicklungen ins Hintertreffen zu geraten drohte. Schulen, die als Abschluß das Abitur anboten, wurden von vielen Eltern bereits bei Übergängen in die Mittelstufe zunehmend bevorzugt.

Da infolge der Entwicklung der Gemeinde Neu-Anspach zum Siedlungsschwerpunkt hier im Gegensatz zur allgemeinen Entwicklung aufgrund des Zuzuges vieler junger Familien mit kräftig steigenden Schülerzahlen zu rechnen war, wurde man sich schnell einig: Die Schule muß um eine gymnasiale Oberstufe erweitert werden, den Schülerinnen und Schülern muß die Chance geboten werden, hier ihr Abitur abzulegen.

Vom ersten Antrag der Gesamtkonferenz, der - vom Elternbeirat und den Gemeindegremien unterstützt - am 8. Februar 1988 dem Hochtaunuskreis als Schulträger vorgelegt wurde, bis zur Genehmigung durch den Hessischen Kultusminister sollten über zehn Jahre intensiver Auseinandersetzung der politisch Verantwortlichen vergehen. Erst am 12. Mai 1997 faßte der Kreistag den Errichtungsbeschluß, dem Kultusminister Hartmut Holzapfel mit Erlaß vom 24. November 1998 stattgab. Als Krönung des Jubiläumsjahres hat die Oberstufe zum Schuljahresbeginn ihre Arbeit mit dem Ziel aufgenommen, den ersten Schülerjahrgang auf das Abitur vorzubereiten. Dies ist sicher ein Ansporn für die Schulgemeinde, die Gesamtschule im Geiste ihres Namengebers auch in den kommenden Jahrzehnten weiterzuentwickeln.

[Als Quellen für den Beitrag dienten die von den Schulleitern Heinrich Drescher, Erhard Körbitz, Walter Stenzel, Dr. Christoph Zelazny und Wolfgang Iser vorbildlich geführten Schulchroniken der Volksschule Anspach und der Adolf-Reichwein-Schule Neu-Anspach aus dem für die Schulreform entscheidenden Zeitraum ab dem Jahr 1952, Dokumente der Schulverwaltung, Berichte des Usinger Anzeigers, der Anspacher Gemeindenachrichten und anderer Presseorgane und Fachzeitschriften sowie das Neu-Anspacher Heimatbuch Werden und Wirken von Prof. Dr. Eugen Ernst.]

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